In der Psychologie nimmt der Selbstwert eine besondere Rolle ein
Stellen Sie sich vor: Sie haben monatelang an einem Projekt gearbeitet. Der Kunde ruft an und sagt: „Wirklich beeindruckend, was Ihr Team da geleistet hat.“ Ihre Antwort? „Ach, das ist ja unser Job.“ — Genau in diesem Moment sabotiert Sie der Bescheidenheits-Reflex. Nicht dramatisch. Nicht offensichtlich. Aber wirksam.
In meiner Arbeit habe ich vier unbewusste Kommunikationsmuster identifiziert, die BRAV-Reflexe: Bescheidenheit, Rechtfertigung, Antwort-Zwang und Verantwortungs-Übernahme. Das B – der Bescheidenheits-Reflex – steht am Anfang. Und er ist häufiger aktiv, als die meisten ahnen.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, was hinter diesem Reflex steckt, welche psychologischen Mechanismen ihn antreiben und – vor allem – wie Sie als Führungskraft konkret damit umgehen können.
Wichtigste Punkte
- Der Bescheidenheits-Reflex ist ein unbewusstes Muster, das Lob und Wertschätzung reflexartig abwehrt.
- Er entsteht durch gesellschaftliche Sozialisation und tief verankerte Glaubenssätze.
- Wer Komplimente abwehrt, sendet unbewusst ein Signal: Ich bin es nicht wert.
- Das Annehmen von Lob ist keine Arroganz – es ist ein Zeichen von gesundem Selbstbild.
- Als Führungskraft können Sie dieses Muster bei sich selbst und bei Ihren Mitarbeitern aktiv durchbrechen.
Was ist der Bescheidenheits-Reflex – und woher kommt er?
„Bescheidenheit ist eine Zier.“ „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Diese Sätze kennen wir alle. Sie sind tief in unserer Sozialisation verankert. Und genau dort liegt das Problem.
Wir arbeiten hart. Wir wollen gute Ergebnisse liefern. Wir freuen uns über Anerkennung. Und wenn sie dann kommt – drücken wir sie weg.
Viele Menschen behandeln ein Kompliment wie eine heiße Kartoffel. Sie halten es kurz in der Hand und legen es schnell wieder weg. Das typische Ergebnis klingt so:
„Danke, aber das ist ja mein Job.“
„Das war nicht nur ich – das ist das ganze Team.“
„Ach, das war doch nichts Besonderes.“
Diese Antworten klingen bescheiden. Sie fühlen sich sozial verträglich an. Aber sie haben eine Wirkung – auf das eigene Selbstbild und auf das Gegenüber.
Die psychologische Wurzel: Glaubenssätze und Selbstbild
Der Bescheidenheits-Reflex ist kein Charakterfehler. Er ist das Ergebnis von Lernprozessen. Wer als Kind gelernt hat, dass Selbstlob unhöflich ist, trägt diesen Glaubenssatz oft bis ins Berufsleben. Das Ergebnis: ein Selbstbild, das Wertschätzung von außen zulässt, sie aber nicht wirklich integriert.
Aus psychologischer Sicht ist das relevant: Das eigene Selbstbild beeinflusst, wie wir Feedback verarbeiten. Wer innerlich zweifelt, ob er gute Arbeit leistet, kann ein Kompliment kaum halten. Es passt nicht zum inneren Bild.
Die gute Nachricht: Dieses Muster lässt sich verändern. Aber erst, wenn man es bewusst wahrnimmt.
Selbst-Check: Wie oft aktivieren Sie den Reflex?
Ich gebe meinen Klienten gern eine einfache Übung mit: Beobachten Sie sich einen Tag lang. Wie oft reagieren Sie auf Lob mit einer der folgenden Formulierungen?
- „Das ist ja mein Job.“
- „Das war nicht nur ich.“
- „Ach, das ist doch selbstverständlich.“
- „Nicht dafür.“ (klassische Hamburger Redewendung)
Viele sind überrascht, wie häufig dieser Reflex auftaucht. Erst wenn die Häufigkeit bewusst wird, entsteht echter Handlungsspielraum.

Die Konsequenzen des Bescheidenheits-Reflexes in der Führung
Der Bescheidenheits-Reflex wirkt auf zwei Ebenen gleichzeitig: nach innen und nach außen. Beide Ebenen sind für Führungskräfte relevant.
Was er mit Ihnen macht
Die Psychologie kennt das Prinzip der Verhaltensverstärkung: Wenn ein gewünschtes Verhalten positiv bestätigt wird, steigt die Motivation, es zu wiederholen. Das gilt auch für Ihre eigene Leistungsbereitschaft.
Wer Lob konsequent abwehrt, nimmt sich selbst die Möglichkeit, Erfolge wirklich zu fühlen. Das Ergebnis: Man erreicht Ziele – und ist gedanklich schon beim nächsten. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Klingt professionell. Ist es aber nicht immer. Denn wer nie innehält und anerkennt, was er geleistet hat, erschöpft sich langfristig selbst.
Denkanstoß: Wie oft haben Sie in den letzten vier Wochen ein Ergebnis wirklich gefeiert – innerlich oder mit Ihrem Team?
Was er mit Ihrem Gegenüber macht
Hier wird es besonders interessant. Wenn jemand Ihnen ein Kompliment macht und Sie es abwehren, passiert etwas Unbewusstes: Das Gegenüber verliert die Motivation, Sie beim nächsten Mal wieder zu loben.
Ein Kompliment ist wie ein Blumenstrauß. Wer keinen Strauß überreicht bekommt, braucht keine Vase. Wenn Sie aber jedes Mal, wenn jemand Ihnen Blumen mitbringt, diese achtlos auf den Tisch legen – warum sollte der andere beim nächsten Mal noch einen mitbringen?
Das ist keine bewusste Entscheidung des Gegenübers. Es läuft unbewusst. Aber es hat eine messbare Wirkung auf die Qualität Ihrer Beziehungen – beruflich wie privat.
Mehr dazu, warum das Annehmen von Komplimenten so schwerfällt, erfahren Sie in diesem vertiefenden Beitrag: Komplimente nicht annehmen können – die Psychologie dahinter.
Lob vs. Kompliment: Ein wichtiger Unterschied
| Lob | Kompliment / Wertschätzendes Feedback |
|---|---|
| Kommt von einer erhöhten Position | Begegnet auf Augenhöhe |
| Kann klein machen | Stärkt das Gegenüber |
| Beispiel: „Das haben Sie aber toll gemacht!“ | Beispiel: „Ich schätze Ihr Engagement in diesem Projekt sehr.“ |
| Enthält eine implizite Bewertung | Bezieht sich auf konkretes Verhalten |
Ein Lob kann – je nach Kontext und Tonfall – eine subtile Machtgeste sein. Wertschätzendes Feedback hingegen ist bewertungsfrei und stärkt die Beziehung. Als Führungskraft lohnt es sich, diesen Unterschied zu kennen und bewusst einzusetzen.
Den Bescheidenheits-Reflex durchbrechen: Praktische Strategien für Führungskräfte
Bewusstsein ist der erste Schritt. Aber was kommt danach? Hier sind konkrete Ansätze, die in der Praxis funktionieren.
Schritt 1: Wahrnehmen, bevor Sie reagieren
Bevor Sie antworten, machen Sie eine kurze innere Pause. Fragen Sie sich: Drücke ich das gerade weg – oder nehme ich es wirklich an?
Diese Sekunde der Reflexion ist der Unterschied zwischen automatischem Reflex und bewusster Reaktion.
Schritt 2: Antworten, die Souveränität zeigen
Hier sind drei Formulierungen, die Wertschätzung annehmen – ohne übertrieben oder arrogant zu wirken:
✅ „Vielen Dank. Freut mich, dass Sie mein Engagement sehen – das tut gut zu hören.“
✅ „Danke, das nehme ich gerne mit. Es hat auch ein bisschen Zeit gekostet, aber es hat sich gelohnt.“
✅ „Das freut mich wirklich. Schön, dass das so ankommt.“
Diese Antworten sind authentisch, nicht aufgesetzt. Sie zeigen, dass Sie das Kompliment annehmen – und es wertschätzen.
Schritt 3: Die Haltung dahinter entwickeln
Die wichtigste Haltung lautet: Ich bin es wert, Wertschätzung zu empfangen.
Das klingt einfach. Für viele Führungskräfte ist es eine echte Übung. Denn das Selbstbild, das diesen Satz trägt, muss erst entwickelt werden – manchmal über Jahre hinweg. Wer an dieser Stelle tiefer arbeiten möchte, findet im Executive Coaching einen strukturierten Rahmen dafür.
Schritt 4: Den Reflex bei Mitarbeitern ansprechen
Als Führungskraft beobachten Sie dieses Muster nicht nur bei sich selbst. Sie erleben es auch bei Ihren Mitarbeitern. Was tun, wenn ein Mitarbeiter jedes Mal, wenn Sie ihn loben, sagt: „Das ist ja mein Job“?
Hier zwei bewährte Ansätze:
Ansatz 1 – Direkt verstärken:
Sagen Sie klar: „Ich möchte, dass Sie das wirklich annehmen. Das war Ihre Leistung. Nicht die des Teams. Verbuchen Sie das auf Ihrem eigenen Konto.“
Ansatz 2 – Beobachtung ansprechen:
„Mir ist aufgefallen, dass Sie bei positivem Feedback oft Mühe haben, es anzunehmen. Wollen wir da mal gemeinsam hinschauen?“
Beide Ansätze schaffen einen Vertrauensraum, in dem echte Entwicklung möglich wird. Das ist Führungskraft als Vorbild in der Praxis.
Was tun, wenn das Lob nicht echt wirkt?
Eine berechtigte Frage: Was, wenn das Kompliment nicht aufrichtig gemeint ist? Manches Mal erinnert es hier an eine klassische Loriot-Szene: „Oh, was für eine schöne Brosche!“ – gefolgt von: „Schade, sie macht Sie so blass.“
Die Empfehlung: Nehmen Sie an, was echt wirkt. Wenn ein Lob im nächsten Satz sofort relativiert oder entkräftet wird, haben Sie das Recht, das wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren. Authentizität in der Führung bedeutet auch, unechtes Feedback nicht blind zu akzeptieren.
Und wenn ein Mitarbeiter Sie auffällig häufig lobt? Dann darf auch die Frage erlaubt sein: „Was ist die Absicht dahinter? Was möchten Sie damit erreichen?“ Das ist keine Misstrauensgeste – es ist kritisches Denken in Aktion.
Der Bescheidenheits-Reflex und das Selbstbild: Was Ihr Umgang mit Lob über Sie aussagt
An der Art, wie jemand mit Lob umgeht, lässt sich ablesen, welches Selbstbild er von sich hat.
Das ist keine Kritik. Es ist eine Einladung zur Selbstreflexion.
Ein gesundes, realistisches Selbstbild schließt ein: Ich leiste gute Arbeit. Ich verdiene Wertschätzung. Und ich kann sie annehmen – ohne überheblich zu werden.
Das ist keine Arroganz. Das ist Authentizität in Führung. Und es ist eine Kompetenz, die sich entwickeln lässt. Wer wissen möchte, welche weiteren Themen im Coaching für Führungskräfte relevant sind, findet hier einen guten Überblick: Die 7 relevantesten Coaching-Themen für Führungskräfte.
Checkliste: Wie souverän nehmen Sie Lob an?
Beantworten Sie diese Fragen ehrlich:
- Reagiere ich auf Komplimente mit mehr als einem trockenen „Danke“?
- Kann ich Lob annehmen, ohne es sofort zu relativieren?
- Spreche ich Mitarbeitern Wertschätzung konkret und verhaltensbezogen aus?
- Frage ich mich gelegentlich, ob mein Selbstbild realistisch ist?
- Habe ich eine „virtuelle Vase“ für Komplimente – einen Ort, wo ich sie wirklich ablegen kann?
Wenn Sie bei mehreren Punkten zögern: Das ist kein Problem. Es ist ein Startpunkt.
Fazit: Wirksamkeit beginnt mit dem Annehmen von Wertschätzung
Der Bescheidenheits-Reflex ist kein großes Drama. Er fällt kaum auf. Aber er hat eine stille, konstante Wirkung – auf Ihr Selbstbild, auf Ihre Beziehungen und auf Ihre Wirksamkeit als Führungskraft.
Wer lernt, Lob bewusst anzunehmen, tut drei Dinge gleichzeitig:
- Er stärkt sein eigenes Selbstbild – und damit seine Entscheiderkompetenz.
- Er motiviert das Gegenüber, auch künftig Wertschätzung zu zeigen.
- Er sendet ein klares Signal: Ich kenne meinen Wert – und ich stehe dazu.
Das ist keine Übung in Selbstdarstellung. Es ist der erste Schritt zu profunder Souveränität.
Ihre nächsten Schritte
Heute: Beobachten Sie einen Tag lang, wie oft Sie den Bescheidenheits-Reflex aktivieren.
Diese Woche: Probieren Sie eine der drei Formulierungen aus dem Artikel aus – in einem echten Gespräch.
Wenn Sie merken, dass dieser Reflex tiefer sitzt und Sie dabei Unterstützung möchten: Vereinbaren Sie ein kostenfreies Erstgespräch
Ohne Druck, ohne Verpflichtung – einfach schauen, ob und wie eine Zusammenarbeit sinnvoll ist.
Mehr dazu erfahren Sie in der Fortsetzung dieser Serie. Einen ersten Einblick in das Thema Verantwortung und Reflexe bietet auch dieser Beitrag: Verantwortung abgeben – BRAV-Reflexe verstehen.



